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Lachen ist die beste Medizin

Eine lautstarke Stimme, die mit Patienten alte Lieder singt, Witze erzählt oder manchmal auch einfach schweigt – bei ihren Einsätzen als Klinikclown in Altenheimen, Krankenhäusern und anderen Pflegeeinrichtungen ist die Stimme der Psychologin Birgit Sauerschell in ihren unterschiedlichen Facetten gefragt.

Im zweiten Stock eines Bamberger Altenheims sitzt eine ältere Dame auf dem Gemeinschaftsbalkon. Die Hände sind auf dem Schoß zusammengefaltet, die grauen, dünnen Haare wehen im Wind. Während die anderen Senioren direkt am Geländer stehen und lachen, sitzt sie teilnahmslos in ihrem grünen Plastikstuhl und schaut ins Leere.

Auf einmal taucht am Balkon-Geländer ein roter Herzluftballon nach dem anderen auf. Von den anwesenden Bewohnern des Altenheims nimmt jeder einen entgegen. Das Lachen auf dem Balkon wird immer lauter und das Strahlen auf den Gesichtern immer größer. Auch der ein oder andere Handkuss wird von den Senioren nach unten verteilt. Das Interesse der älteren Dame, die abseits von den anderen sitzt, ist geweckt. Nach dem dritten Herzluftballon, der auf den Balkon wandert, hebt sie ihren Blick, geht nach vorne zum Geländer und beobachtet, was vor sich geht.

Klinikclowns für die gewisse Portion Abwechslung

Was für ein Timing! Denn plötzlich kommt auch für sie ein Herzluftballon nach oben. Mit einem skeptischen Blick und heraufgezogenen Augenbrauen schaut die Seniorin am Luftballon, der an einem langen Rohr befestigt ist, vorbei. Unten auf der Wiese steht eine Frau mit einer roten Clownsnase, balanciert mit einer Hand das Rohr und winkt mit der anderen Hand der Seniorin zu.

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„Auf einmal hat sich ihr kompletter Blick geändert. Sie riss die Augen auf und strahlte über das ganze Gesicht, als sie den Luftballon nahm“, erzählt Birgit Sauerschell aus Lichtenfels. Die 56-Jährige ist mittlerweile seit dreizehn Jahren als Kaala Knuffl in Altenheimen und Krankenhäusern unterwegs und unterstützt so die Arbeit der KlinikClowns-Bayern e.V., einem bayernweiten Verein, der sich hauptsächlich durch Spenden finanziert. Ziel ist es, Menschen in schwierigen Situationen ein Lachen und so Kraft und Zuversicht zu schenken.

„Den Leuten eine schöne Zeit zu bescheren und ihnen etwas zu geben – das ist ein unbeschreibliches Gefühl!“

Birgit Sauerschell

Alte Lieder für die Senioren

„Ich freue mich, wenn die Leute staunen, sie überrascht sind, was hier passiert und sich ein Stück weit von der guten Laune anstecken lassen“, erklärt Birgit Sauerschell. Besonders jetzt zur Corona-Zeit hat die Lichtenfelserin gemerkt, wie bedürftig die Leute teilweise sind. „Wir haben uns immer größere und buntere Sachen einfallen lassen, um den Leuten eine schöne Zeit zu bescheren. Das ist uns auch gelungen – und das ist ein unbeschreibliches Gefühl“, so Birgit Sauerschell. Und auch die Stimme kam plötzlich ganz anders zum Einsatz: Schließlich wollen auch Menschen im zweiten oder dritten Stock hören, was Kaala Knuffl sagt beziehungsweise auch singt. „Bei Senioren singen wir oft alte Lieder, das musste jetzt wegen der Corona-Abstandsregeln natürlich um einiges lauter sein. Das war schon eine Herausforderung für meine Stimme – aber eine schöne.“

Doch wie wird man eigentlich Klinikclown? Gibt es dafür eine Ausbildung? „Ja, die gibt es tatsächlich“, sagt die 56-Jährige und lacht. Vor circa 14 Jahren hat Birgit Sauerschell eine Clownsausbildung in Freising gemacht. „Damals dachte ich nicht, dass ich tatsächlich mal als Clown tätig sein werde. Ich wollte das eigentlich nur machen, weil ich neugierig war.“ Aus dieser Neugier wurde eine echte Leidenschaft.

Ein Klinikclown braucht viele Kompetenzen

Dabei ist es nicht nur damit getan, lustig zu sein. Als Klinikclown ist einiges mehr gefordert. Deshalb gibt es auch zweimal im Jahr Workshops zu verschiedenen Themen wie beispielsweise Hygiene oder auch zu Magersucht und Bulimie – Themen, bei denen ein fundiertes Hintergrundwissen wichtig werden kann, vor allem bei Einsätzen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Das weiß Birgit Sauerschell als Psychologin nur zu gut.

Aus ihrer fachlichen Sicht sieht sie es manchmal aber auch etwas kritisch, wenn Klinikclowns zu viel wissen. „Die Clowns sind für Patienten auf jeden Fall wie Therapeuten, das merken wir momentan mehr denn je. Aber die Clowns sollten nicht das Gefühl haben, dass sie Therapeuten sind“, erklärt Birgit Sauerschell, die es immer sehr genossen hat, als Clown unterwegs zu sein. „Da konnte ich immer diese ganze Therapie- und Psychoschiene vergessen, da musste ich nicht irgendetwas erreichen oder auf etwas ganz besonders aufpassen. Und am Abend konnte ich die Clownsnase ablegen, was mir dabei hilft, Abstand vom Erlebten zu bekommen.“

Die Clowns sind für Patienten auf jeden Fall wie Therapeuten, das merken wir momentan mehr denn je. Aber die Clowns sollten nicht das Gefühl haben, dass sie Therapeuten sind!

Birgit Sauerschell

Und dabei helfen auch die Eigenschaften eines Clowns: Ja-Sagen, die Situation akzeptieren, wie sie ist und weitermachen, unterschiedliche Blickwinkel einnehmen und auch einmal die Perspektiven wechseln. „Ein Clown nimmt viele Sachen einfach leichter, da kann ich von Kaala
oft auch noch etwas lernen“, sagt Birgit Sauerschell und lacht.

Der Clown und der Tod – geht das überhaupt?

Neben ihrer Tätigkeit als Klinikclown war die Psychologin zuletzt im Asylbereich tätig – das Projekt lief jedoch vor drei Jahren aus. „Und dann habe ich überlegt, wo für mich die Reise hingeht. Meinen Klinikclown wollte ich auf gar keinen Fall aufgeben – das war aber auch das Einzige, was ich wusste.“ Bis zu einem viertägigen Workshop-Angebot des Klinikclown-Vereins zum Thema „Der Clown und der Tod“. Zwei Aspekte, die für die meisten nicht zusammenpassen. Nicht so für Birgit Sauerschell. Für sie hat sich diese Kombination stimmig angefühlt und eine ganz neue Welt geöffnet.

„Ein Clown darf schon einmal wesentlich mehr als andere, dennoch hat er großen Respekt vor anderen Menschen. Er kann Wünsche erfüllen, die ein Pfarrer oder ein Trauerredner nicht so einfach umsetzen kann – allein schon aus gesellschaftlicher Sicht“, erklärt die Lichtenfelserin. Dabei denkt sie immer an eine Bekannte zurück, die immer gesagt hat: „Wenn ich fei` mal sterbe, trinkt an meinem Grab dann bloß einen Ramazotti auf mich!“ Sicherlich könnten das auch Freunde oder Verwandte initiieren. In der Trauer ist das jedoch nicht immer ganz so einfach.

Für mehr Farbe und Leichtigkeit auf dem Friedhof

„Für mich gehört ein Clown einfach auf den Friedhof. Vor allem, weil das Leben so bunt ist, muss auch auf dem Friedhof mehr Farbe und Leichtigkeit sein.“ Und dabei geht es nicht darum, das Ganze ins Lächerliche zu ziehen. Ganz im Gegenteil: Mit ihrer Anwesenheit will Kaala Knuffl viel Liebe und Respekt den Menschen gegenüber herüberbringen. „Und das schafft Kaala auch – wenn auch nur für Einzelne. Für alle kann man aber sowieso nicht da sein. Es wird immer Leute geben, die das unmöglich finden, aber ich glaube, es gibt auch bei einer klassischen Beerdigung etwas, was jemand unmöglich findet“, so die 56-Jährige, die fest davon ausgeht, dass jeder Mensch einen Clown in sich trägt – dem einen merkt man es direkt an, andere tun sich schwer, ihn auszuleben und verstecken ihn eher. Doch beim Treffen eines anderen Clowns wird bei jedem der innere Clown aktiv – egal ob bewusst oder unbewusst, da ist sich Birgit Sauerschell sicher.

Schließlich ist der Mensch nicht nur tot, er hat gelebt in ganz unterschiedlichen Facetten und man hat Erlebnisse mit ihm geteilt, die kein anderer hatte.

Birgit Sauerschell

„Wenn man sich dann vorstellt, dass bei tiefer Trauer, die Fähigkeiten eines Clowns wie Ja-Sagen, Annehmen, aus verschiedenen Perspektiven betrachten – wenn das nur einen Hauch mehr da ist, hilft es in dieser schwierigen Situation schon.“ Und auch die Eigenschaft, in verschiedene Richtungen zurückzublicken, ist beim Abschied nehmen besonders wichtig. „Schließlich ist der Mensch nicht nur tot, er hat gelebt in ganz unterschiedlichen Facetten und man hat Erlebnisse mit ihm geteilt, die kein anderer hatte.“ Und auch dabei helfe der innere Clown: Nicht nur den Tod zu sehen, sondern die vielen schönen Momente mit dem Verstorbenen.