Stimmkraft

Konkurrenz war gestern: Weil Zusammenhalt viel mehr Erfolg verspricht

FEM{ME}SPACE – ein Ort der Begegnung und des Co-Workings. Doch dahinter steckt viel mehr: Die Gründerin Sarah Seewald setzt ihre Stimme ein, um Konkurrenzdenken abzuschalten und Mut zu machen – für mehr Zusammenhalt.  
 

Unter Frauen gibt es wahnsinnig viel KonkurrenzNeid und Missgunst sind oft tägliche Begleiter: Haben Sie eine Erklärung, warum das so ist und warum das auch in den letzten Jahren immer mehr wurde? 
Sarah Seewald: Druck, Neid und Missgunst, das sind keine neuen Gefühle für Frauen. Ich glaube nur, dass Frauen immer mehr Lebensbereiche ausfüllen, in denen sie sich mit anderen vergleichen können. Neid und Missgunst ist, wenn man so will, der weibliche Machtkampf, Gefühle, die jedoch nicht auf den Tisch kommen und geklärt werden. Diese Emotionen schlummern in uns und hindern uns daran, eigene Schritte zu gehen. Ich durfte lernen, dass es viel verständnisreicher wäre, von männlichen und weiblichen Energien statt von Männern und Frauen zu sprechen.

Das klingt in erster Linie seltsam, führt aber vor allem dazu, dass sich niemand ausgegrenzt oder zu sehr in eine Schublade gesteckt fühlt. Wenn man so will, ist gerade die Zeit für eine neue Art Feminismus. Für weiblichen Erfolg – für das Weiblichsein an sich. Das bedeutet zum Beispiel auch: Wer sich mit voller Hingabe dem Haushalt, den Kindern, der Carearbeit zuwenden will, der hat auch volle Anerkennung verdient. Und das schließt ausdrücklich sowohl Männer als Frauen ein.  

„Konkurrenz ist deshalb eher ein Faktor, der belastet – körperlich wie emotional. Und somit kein Gefühl, das uns auf lange Sicht weiterbringt, sondern eher zermürbt.“

Sarah Seewald (FEM{ME}SPACE)

Warum sollte man das Konkurrenzdenken abschalten?   
Wenn das mit dem Abschalten nur so einfach wäre. Aber ja, ich bin der festen Überzeugung, es lohnt sich, herauszufinden, wo der Schalter ist. Das geht aber nicht von heute auf morgen. Es ist mir wichtig, das anfangs festzuhalten. Sonst ist auch hier Frust vorprogrammiert

Es sind oft festgefahrene Ansichten in uns, die eigene Erziehung, Werte, die verinnerlicht wurden. Konkurrenz steht übertragen für Wettkampf. Und Wettkampf bedeutet Stress. Konkurrenz schließt vor allem bei Frauen oft eine Wertung auf persönlicher Ebene mit ein: Was bitte macht der oder die so viel besser als ich? Woher hat sie denn bitte schon wieder diese Idee? Wie ist sie denn bitte jetzt schon wieder an den neuen Kunden gekommen? Und auch bei Frauen oft in diese Richtung: Wie schafft sie es bitte, heute so gut auszusehen? 

Konkurrenz ist deshalb eher ein Faktor, der belastet – körperlich wie emotional. Und somit kein Gefühl, das uns auf lange Sicht weiterbringt, sondern eher zermürbt. Mit Konkurrenzdenken werten wir uns selbst ab. Wir wollen viel zu oft eine andere oder immer bessere Version als nur „Ich selbst“ sein. Dabei liegt genau im persönlich zufrieden sein das vielleicht langfristigste Erfolgsgefühl verborgen.   
 

Inwiefern profitieren alle davon?  
Ganz konkret: Wenn ich das nächste Mal in einem Projekt nicht weiterweiß, kann ich meinen Kollegen oder eine Expertin auf dem gleichen Fachgebiet – egal ob angestellt oder selbstständig – einfach fragen. Wer viel Konkurrenzdenken in sich trägt, ist oft davon überzeugt, er muss alles allein schaffen. Das ist nicht nur selbstzerstörerisch, es ist auch absolut ineffizient.

Übrigens immer sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich. Ich kann gar nicht beschreiben, wie unfassbar gut es sich anfühlt, wertschätzend über einen Mitmenschen – eine andere Frau – zu sprechen. Wer sich gegenseitig empfiehlt, wird auch Kunden und Projekte zurückbekommen. Wer ehrlich an einen anderen Experten verweist, wird positiv in Erinnerung bleiben und spart sich Stress, weil er selbst in einem bestimmten Fachgebiet überfragt wäre. Das Entscheidende ist: Es muss authentisch sein.  

ipalat® rückt mit der Aktion #dieweltbrauchtdeinestimme Menschen in den Fokus, die von ihrer beeindruckenden Lebensgeschichte oder ihrem mutigem Engagement für die Gesellschaft erzählen. Jeden Monat kommt eine neue bewundernswerte Persönlichkeit dazu – zu lesen auf dem Blog und den Social-Media-Kanälen von ipalat®.

Warum setzen Sie Ihre Stimme für dieses Thema ein? 
Schon als Kind habe ich mich oft geärgert, wenn ich gemerkt habe, dass sich berufliche Leistung auf das Privatleben auswirkt. Wer auf der Arbeit so viel Energie verpufft, dass abends nichts mehr übrig ist, bleibt auf Dauer auf der Strecke. Vielleicht wollte ich deshalb schon immer selbstständig sein. Und zwar nicht selbst und ständig. Sondern in erster Linie selbstverantwortlich.

Diese Selbstverantwortung kann immer ein entscheidender Wegweiser im Leben sein, sie erfordert vielleicht nur noch mehr Mut im Angestelltenverhältnis. Beruflicher Erfolg bedeutet für mich, dass ich für meine Werte einstehe und diese lebe – nicht nur nach Feierabend. Es geht mir besser, wenn ich mich mit meinen Projekten und Kunden identifizieren kann. Und wenn es mir gut geht, dann habe ich mehr Kraft zum Arbeiten. Mehr Ideen, mehr Freude.   
 
Was bedeutet Ihnen die Botschaft #dieweltbrauchtdeinestimme bzw. #deinestimmezählt? 
Das ist so viel mehr als ein Hashtag. Manche würden es naiv bezeichnen, ich beschreibe es mittlerweile als herzgesteuert: Ich bin fest davon überzeugt, dass jede einzelne Stimme zählt. Etwas bewegen kann. Es ist nur so verdammt anstrengend und oft niederschmetternd, wenn doch eine andere Stimme lauter ist

Aber die Überzeugung, dass im Großen und Ganzen #deinestimmezählt ist vielleicht der entscheidende Charakter einer demokratischen Kultur. Denn nicht eine Pandemie an sich, keine neue Berufsbezeichnung oder sonst ein äußerer Lebensumstand verändern uns an sich. Die Veränderung liegt nur in uns selbst. Deshalb zählt Deine Stimme, wenn du auf sie zählst. Fangen wir also an, der Stimme in uns selbst viel öfters zuzuhören.  

Foto: Lea Schreiber